In den letzten Monaten sind die Sorgen um die Verfügbarkeit von Komponenten wieder auf die Tagesordnung vieler OEMs und Industriehersteller zurückgekehrt. Unter anderem wirft die Speicherknappheit erneut Fragen auf, nicht nur in Bezug auf die Beschaffung, sondern auch auf die langfristige Lebensfähigkeit der Systeme.
Zwar unterscheidet sich die heutige Situation deutlich von den akuten Engpässen in den Jahren 2020 bis 2022, doch deuten die aktuellen Marktsignale auf ein eher strukturelles Problem hin. Die Frage ist nicht mehr , ob es wieder zu Engpässen kommen kann, sondern wie die industriellen Systeme dafür ausgelegt sind.
Die erneute Anspannung bei Speicherkomponenten ist nicht auf eine einzelne Störung zurückzuführen, sondern auf eine Kombination struktureller Trends.
Nach Angaben von Micron Technology und Samsung Electronics fließt ein erheblicher Teil der Neuinvestitionen in margenstarke Speicher mit hoher Bandbreite für Rechenzentren und KI-Beschleuniger und nicht in ausgereifte Speichertechnologien, die traditionell in Industriesystemen eingesetzt werden.
Gleichzeitig schalten die Speicherhersteller nach und nach ältere Produktionsknoten aus. Dies ist zwar wirtschaftlich sinnvoll, führt aber zu Problemen in Branchen, die auf die langfristige Verfügbarkeit qualifizierter, stabiler Komponenten und nicht auf Spitzenleistungen angewiesen sind.
Das Problem ist also nicht ein genereller Mangel an Speicher, sondern ein Mangel an industrietauglichen, langlebigen Speicherkomponenten.
Die Industrieautomatisierung arbeitet unter Bedingungen, die sich grundlegend von denen der Verbraucher- oder IT-Märkte unterscheiden.
Maschinen werden mit Lebenszyklen entwickelt, validiert und eingesetzt, die oft mehr als 10-15 Jahre betragen. Selbst scheinbar geringfügige Hardware-Änderungen können umfangreiche Requalifizierungsprozesse, Softwarevalidierung und in einigen Fällen auch neue Sicherheits- oder Cybersecurity-Bewertungen auslösen.
Aus diesem Grund sind Speichermängel in OT-Umgebungen besonders störend. Sie bringen Unsicherheit in Systeme, die eigentlich auf Stabilität und Vorhersagbarkeit ausgelegt sind.
Branchenanalysten haben diese Diskrepanz hervorgehoben. Laut Gartner sind Industrieunternehmen zunehmend der Volatilität in der Lieferkette ausgesetzt, da viele OT-Architekturen nicht auf die Variabilität der Komponenten ausgelegt sind.
In diesem Zusammenhang werden Verfügbarkeitsfragen schnell zu architektonischen Herausforderungen, nicht nur zu Beschaffungsproblemen.
Bei genauerer Betrachtung offenbart die Speicherknappheit die seit langem bestehenden Annahmen bei der Entwicklung industrieller Systeme.
Jahrelang verließen sich viele Architekturen implizit auf:
- feste Hardwarekonfigurationen,
- statische Ressourcenzuweisung,
- enge Kopplung zwischen Softwarefunktionen und spezifischen Komponenten.
Diese Annahmen funktionierten in einer stabilen Lieferkettenumgebung gut, aber die heutige Marktdynamik zeigt ihre Grenzen auf.
Wie McKinsey & Company feststellt, hängt die Ausfallsicherheit industrieller Systeme zunehmend von der Flexibilität der Architektur ab und weniger von der Optimierung einzelner Komponenten.
In der gesamten Branche zeichnet sich eine ausgereiftere Art und Weise ab, das Problem zu formulieren.
Anstatt zu fragen: "Wie vermeiden wir Engpässe?", beginnen führende OEMs zu fragen:
"Wie entwickeln wir Systeme, die auch bei einem Wechsel der Komponenten lebensfähig bleiben?"
Dieser Wandel legt den Schwerpunkt auf:
- modulare Architekturen,
- Entkopplung der Software-Fähigkeiten von festen Hardware-Annahmen,
- kontrollierte Skalierbarkeit von Ressourcen,
- und Lebenszyklusstrategien, die der Entwicklung Rechnung tragen, anstatt sich ihr zu widersetzen.
In diesem Sinne fungieren Speicherknappheiten als Stresstest. Sie machen deutlich, welche Systeme Veränderungen verkraften können und welche Systeme kostspielige Umgestaltungen erfordern, wenn sich die Bedingungen ändern.
Für OEMs gehen die Auswirkungen über die Beschaffung hinaus.
Die langfristige Wettbewerbsfähigkeit hängt zunehmend von der Fähigkeit ab,:
- die Entwicklung von Komponenten zu steuern, ohne das Maschinenverhalten zu beeinträchtigen
- die Cybersicherheit aufrechtzuerhalten und Prozesse trotz Hardwareänderungen zu aktualisieren,
- zertifizierte Systeme über längere Lebenszyklen hinweg zu unterstützen.
Die Speicherverfügbarkeit ist nur ein Beispiel, aber es verdeutlicht eine umfassendere Realität: Die industrielle Automatisierung kann nicht mehr auf der Grundlage einer dauerhaften Hardwarestabilität entwickelt werden.
Speicherknappheit mag auf den ersten Blick ein Problem der Lieferkette sein, in der Praxis stellt sie jedoch eine Herausforderung für die Entwicklung dar.
Da die industrielle Automatisierung in eine Phase anhaltender Unsicherheit eintritt, ist die Architektur wichtiger als einzelne Komponenten. Systeme, die mit Blick auf Flexibilität und langfristige Belastbarkeit entwickelt wurden, sind besser in der Lage, diese Veränderungen zu bewältigen, ohne die Zuverlässigkeit, Sicherheit oder Kontinuität zu beeinträchtigen.
Die eigentliche Frage ist nicht mehr, ob es wieder zu Engpässen kommen wird, sondern ob die industriellen Systeme bereit sind, wenn sie es sind.