Die maritime Industrie befindet sich in einem tiefgreifenden digitalen Wandel. Moderne Schiffe verlassen sich zunehmend auf vernetzte Automatisierungssysteme, um Navigation, Antrieb, Umweltüberwachung und den Betrieb an Bord zu steuern.
Brückensysteme, Motorüberwachungsplattformen, Energiemanagementsysteme und Tools zur Fernüberwachung der Flotte tauschen nun kontinuierlich Daten mit der Infrastruktur an Land aus. Diese Konnektivität ermöglicht eine bessere Betriebstransparenz und ein effizienteres Schiffsmanagement.
Mit der zunehmenden digitalen Vernetzung von Schiffen wird die Cybersicherheitjedoch zu einer betrieblichen Anforderung und nicht mehr zu einem rein technischen Problem.
Der Schutz von Schiffssystemen kann sich nicht mehr allein auf die Isolierung von Netzwerken oder die Härtung der IT-Sicherheit stützen. Stattdessen muss die Cybersicherheit als integraler Bestandteil der Konzeption, Entwicklung und Wartungvon Automatisierungssystemen während ihres gesamten Lebenszyklusberücksichtigt werden.
In diesem Sinne wird die Cybersicherheit in der maritimen Automatisierung zunehmend zu einer technischen Disziplin.
Die Digitalisierung verändert die Schiffssysteme
Früher waren Schiffe weitgehend abgeschlossene Umgebungen, in denen die Automatisierungssysteme an Bord unabhängig von externen Infrastrukturen arbeiteten, doch heute ändert sich dieses Modell.
Schiffe interagieren zunehmend mit Flottenüberwachungsplattformen, Fernservicezentren und Ausrüstungsherstellern. Satellitenverbindungen und digitale Überwachungstechnologien machen es möglich, Betriebsdaten über die gesamte Flotte hinweg zu sammeln und auszuwerten.
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) hat die Digitalisierung als einen der wichtigsten Faktoren für einen sichereren und effizienteren Schiffsbetrieb hervorgehoben.
Doch dieselbe Konnektivität, die digitale Dienste ermöglicht, erweitert auch die potenzielle Gefährdung der Systeme an Bord.
Mit der zunehmenden Integration digitaler Systeme in den Schiffsbetrieb wird das Cyber-Risiko Teil der Betriebssicherheit.
Das Cyber-Risiko ist jetzt ein struktureller Bestandteil der maritimen Sicherheit
Die maritime Industrie erkennt zunehmend, dass Cybervorfälle den Schiffsbetrieb ebenso beeinträchtigen können wie herkömmliche Ausrüstungsfehler.
Aus diesem Grund hat die IMO die Aufnahme des Cyber-Risikomanagements in die in die Sicherheitsmanagementsysteme von Schiffen im Rahmen des ISM-Codes aufzunehmen. Die IMO hat ein spezielles Dokument herausgegeben, in dem die "Richtlinien für das Cyber-Risikomanagement im Seeverkehr" ausführlich beschrieben sind.
Auch Klassifikationsgesellschaften wie DNV betonen, dass die Cyber-Resilienz zu einer Schlüsselkomponente moderner maritimer Systeme wird.
Für Schiffsbauer, Systemintegratoren und Technologieanbieter bedeutet dies, dass die Cybersicherheit bereits bei der Entwicklung von Schiffsautomatisierungsarchitekturen berücksichtigt werden muss.
Die Rolle von Edge-Systemen an Bord
Viele der Systeme, die den Schiffsbetrieb unterstützen, laufen direkt am Rande der Betriebsumgebung.
HMIs auf der Brücke, Überwachungssysteme und bordseitige Steuerungen bilden die primäre Schnittstelle zwischen Bedienern und Schiffsautomatisierungssystemen. Diese Geräte visualisieren wichtige Informationen, ermöglichen Steuerungsaktionen und sammeln Betriebsdaten.
Da sie direkt in der Betriebsinfrastruktur des Schiffes arbeiten, sind ihre Zuverlässigkeit und Integrität von entscheidender Bedeutung.
Industrielle HMIs und eingebettete Edge-Systeme, die für die Schifffahrt entwickelt wurden, müssen daher mehrere Herausforderungen gleichzeitig meistern: raue Umgebungsbedingungen, lange Lebensdauer der Geräte und sichere Interaktion mit angeschlossenen Infrastrukturen.
Technologien, die für den Marine- und Offshore-Sektorentwickelt werden, sind in der Regel so konzipiert, dass sie die strengen maritimen Anforderungen erfüllen, einschließlich Zertifizierungen wie DNV, und gleichzeitig ein stabiles und vorhersehbares Verhalten in anspruchsvollen Umgebungen gewährleisten.
Sicherheit ist eine Lebenszyklus-Disziplin
Eines der Hauptmerkmale von maritimen Automatisierungssystemen ist ihre lange Lebensdauer. An Bord von Schiffen installierte Geräte können viele Jahre, manchmal Jahrzehnte, in Betrieb bleiben.
In solchen Umgebungen kann die Cybersicherheit nicht als eine Funktion behandelt werden, die am Ende der Entwicklung hinzugefügt wird.
Stattdessen muss sie während des gesamten Lebenszyklus des Systems berücksichtigt werden, von der Architektur und Entwicklung bis hin zu Einsatz, Wartung und Updates.
Rahmenwerke für industrielle Cybersicherheit wie die IEC 62443 betonen genau dieses Prinzip: Sicherheit muss in die technischen Prozesse und Entwicklungspraktiken integriert werden und darf nicht einfach als externe Kontrolle angewendet werden.
Dieser Ansatz spiegelt ein breiteres Branchenverständnis wider: Sichere Systeme werden nicht allein durch Konformitätsmeilensteine oder Zertifikate definiert. Sie hängen davon ab, wie Technologien im Laufe der Zeit entwickelt und gewartet werden.
Cybersicherheit als technische Verantwortung
Da maritime Systeme immer stärker vernetzt und softwaregesteuert sind, überschneidet sich die Cybersicherheit zunehmend mit der Systemarchitektur, dem Produktdesign und dem Lebenszyklusmanagement.
Das bedeutet, dass die Verantwortung für die Cybersicherheit nicht in den IT-Teams isoliert oder allein durch die Einhaltung von Vorschriften geregelt werden kann.
Sie muss in die technischen Praktiken eingebettet werden und Einfluss darauf haben, wie Systeme entworfen werden, wie der Zugriff kontrolliert wird, wie Updates bereitgestellt werden und wie Schwachstellen im Laufe der Zeit verwaltet werden.
Für Unternehmen, die Automatisierungstechnologien für maritime Umgebungen entwickeln, bedeutet dies eine grundlegende Veränderung.
Bei der Cybersicherheit geht es nicht mehr nur um Schutzmechanismen. Es geht darum, von Anfang an vertrauenswürdige Systeme zu entwickeln.
Vertrauenswürdige Systeme für vernetzte Schiffe
Die Digitalisierung des maritimen Betriebs wird sich weiter beschleunigen. Schiffe werden zunehmend auf vernetzte Automatisierungssysteme angewiesen sein, um Sicherheit, Effizienz und Transparenz auf Flottenebene zu gewährleisten.
In diesem Zusammenhang wird die Widerstandsfähigkeit von Schiffssystemen nicht nur von der Zuverlässigkeit der Hardware abhängen, sondern auch von der Integrität der digitalen Architekturen, die sie unterstützen.
Die Entwicklung sicherer maritimer Systeme erfordert daher eine Kombination aus robuster Hardware, gut strukturierten Systemarchitekturen und sicheren Entwicklungsverfahren, die während des gesamten Lebenszyklus des Systems weiterentwickelt werden.
Wir bei EXOR sind der Meinung, dass Cybersicherheit keine Zertifizierung ist, die man vorweisen kann, sondern eine kontinuierliche technische Disziplin, die die Art und Weise bestimmt, wie Automatisierungssysteme im Laufe der Zeit gebaut, eingesetzt und gewartet werden.


