Die jüngste Verknappung von Komponenten hat sich als Stresstest für die industrielle Automatisierung erwiesen. Sie haben Schwachstellen aufgedeckt, schwierige Entscheidungen erzwungen und Gespräche beschleunigt, die jahrelang aufgeschoben worden waren. Aber über die unmittelbare Störung hinaus boten sie auch etwas Wertvolles: klare Lehren darüber, wie industrielle Systeme in Zukunft gestaltet werden sollten.
Bei der Widerstandsfähigkeit geht es heute nicht mehr darum, schneller zu reagieren, sondern darum, Systeme so zu gestalten, dass sie Veränderungen verkraften können, ohne zusammenzubrechen.
Wie in unserem Artikel Der Weg der industriellen Automatisierung dargelegt, folgt die Entwicklung industrieller Systeme einer klaren Linie: von isolierten Maschinen zu vernetzten, serviceorientierten Architekturen.
Die jüngsten Engpässe haben diesen Weg nicht unterbrochen, aber sie haben eine wichtige Erkenntnis beschleunigt: Jede Stufe der Automatisierungsreife erfordert ein anderes Maß an architektonischer Widerstandsfähigkeit.

Von effizienzorientiertem Design zu einer Architektur, die Unsicherheiten berücksichtigt
Lange Zeit stand bei der Entwicklung von Industrieautomation die Effizienz im Vordergrund: optimierte Stücklisten, eng spezifizierte Hardwarekonfigurationen und minimale Redundanz. Dieser Ansatz war in einer vorhersehbaren Lieferkettenumgebung sinnvoll.
Die jüngsten Engpässe haben diese Annahme in Frage gestellt.
Wie unsere Analyse der Speicherknappheit in der Industrieautomation gezeigt hat, beschränkte sich die Herausforderung nicht nur auf die Verfügbarkeit von Komponenten. Sie ergab sich auch aus der Starrheit von Systemen, die an sehr spezifische Konfigurationen gebunden waren, was bei jedem Wechsel von Komponenten eine vollständige Neubewertung der Architektur erforderte.
Resilience by Design beginnt mit der Akzeptanz einer neuen Realität: Unsicherheit ist keine Ausnahme mehr, sondern eine Bedingung.
Dieser Wandel steht im Einklang mit einer breiteren Branchenperspektive. Laut McKinsey bewegen sich die Verantwortlichen in der Industrie zunehmend weg von optimierungsorientierten Entwürfen hin zu Architekturen, die auf Anpassungsfähigkeit und langfristige Widerstandsfähigkeit ausgelegt sind, insbesondere als Reaktion auf die Volatilität der Lieferkette und technologische Veränderungen.
Was bedeutet Resilienz in der Industrieautomation wirklich?
In einem industriellen Kontext bedeutet Resilienz nicht, dass man zu viel Technik einsetzt oder Komponenten auf Vorrat hält. Es bedeutet, Systeme zu bauen, die sich weiterentwickeln können, ohne dass es zu störenden Umgestaltungen kommt.
Dazu gehören:
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Architekturen, die Komponentenschwankungen tolerieren,
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Software, die sich an unterschiedliche Hardwareprofile anpasst,
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eine klare Trennung zwischen Steuerungs-, Schnittstellen- und Datenverantwortung,
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und Lebenszyklusstrategien, die Veränderungen voraussetzen, statt sich ihnen zu widersetzen.
Der entscheidende Wandel ist konzeptioneller Natur: Die Ausfallsicherheit wird nicht mehr nachträglich hinzugefügt, sondern ist bereits in der Entwurfsphase in das System integriert.
Die Rolle von Modularität und Entkopplung
Eine der deutlichsten Lehren aus den jüngsten Störungen ist der Wert der Modularität.
Wenn Systeme eng gekoppelt sind, Hardware, Software, Schnittstellen und Lebenszyklus miteinander verbunden sind, wirken sich selbst kleine Änderungen auf die gesamte Maschine aus. Wenn die Verantwortlichkeiten entkoppelt sind, wird die Anpassung überschaubar.
Dieser Grundsatz gilt nicht nur für die Speicherverfügbarkeit. Es betrifft:
- Cybersicherheits-Updates,
- die Einhaltung von Vorschriften,
- langfristige Wartung,
- und dienstleistungsbasierte Geschäftsmodelle.
Hier wird die Widerstandsfähigkeit zu einem Ermöglicher, nicht zu einem Hindernis.
Resilienz und Cybersicherheit sind jetzt untrennbar miteinander verbunden
Die jüngsten Engpässe haben auch einen oft übersehenen Zusammenhang deutlich gemacht: Widerstandsfähigkeit und Cybersicherheit entwickeln sich gemeinsam weiter.
Wenn sich die Hardware ändert, müssen die Sicherheitsannahmen neu bewertet werden. Sicheres Booten, Patch-Management, Identitätsmanagement und Update-Mechanismen müssen konsistent bleiben, auch wenn sich die Komponenten weiterentwickeln. Systeme, denen es an architektonischer Flexibilität mangelt, haben es schwer, die Sicherheit im Laufe der Zeit aufrechtzuerhalten.
Aus diesem Grund überschneidet sich Resilience by Design zunehmend mit Security by Design.
Ein strategischer Wechsel für OEMs und Hersteller
Für OEMs wird die Ausfallsicherheit zu einem wettbewerbsentscheidenden Unterscheidungsmerkmal.
Die Kunden fragen nicht mehr nur nach der Leistung oder den Funktionen. Sie fragen vielmehr:
- Wie lange wird dieses System unterstützt werden?
- Wie wird es sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln?
- Was geschieht, wenn sich Komponenten ändern?
- Wie lassen sich Updates und Sicherheit über Flotten hinweg skalieren?
Resilience by Design bietet glaubwürdige Antworten auf diese Fragen, ohne sich auf Versprechen oder Notlösungen zu verlassen.
Letzter Gedanke
Die jüngsten Engpässe haben kein neues Problem aufgeworfen - sie haben ein bereits bestehendes Problem aufgezeigt.
Die Industrieautomatisierung tritt in eine Phase ein, in der Konstruktionsentscheidungen den Wandel berücksichtigen müssen, anstatt von Stabilität auszugehen. Resilience by Design ist die Antwort auf diesen Wandel: ein Ansatz, der Anpassungsfähigkeit, langfristige Lebensfähigkeit und architektonische Klarheit in den Vordergrund stellt.
Wenn die letzten Jahre die Industrie etwas gelehrt haben, dann dies: Systeme, die so konzipiert sind, dass sie sich weiterentwickeln, überdauern länger als solche, die auf Stabilität ausgelegt sind.
In diesem Sinne ist "Resilience by Design" kein alleinstehendes Konzept. Sie ist eine notwendige Fähigkeit, die sich auf dem Weg der industriellen Automatisierungganz natürlich ergibt , wenn sich Systeme von statischen Anlagen zu anpassungsfähigen, langlebigen Architekturen entwickeln.


